Route to Warren Buffett – 3. Tag: Springfield, Illinois, am Abend

Route to Warren Buffett – 3. Tag: Springfield, Illinois, am Abend
Live von unserem Berichterstatter aus den USA

Am Abend des 25. März suchte das TM-Team in Springfield (Illinois) lange nach einem geeigneten Ort, um gemeinsam die Ereignisse des Tages zu diskutieren. Das Problem: 4 von 5 Lokalen waren am Sonntagabend geschlossen. Der Grund wurde von Einheimischen erklärt: Zum Teil sind es wohl die Kirchen, die den Sonntag als Feiertag verteidigen … zum anderen Teil haben die Bürger Springfields einfach keine große Lust, am Sonntagabend auszugehen.

Doch wenn acht starke Börsianer walten, ist es nur eine Frage der Zeit, bis der geeignete Ort gefunden ist. Eines der wenigen geöffneten Lokale, mit guter, preiswerter und vor allem ortstypischer Küche, stellte dem TM-Team nach kurzer Verhandlung einen Raum für die Kickoff-Diskussion zur Verfügung.

Was haben wir heute gelernt, Männer?“ war die erste Frage von Thomas Müller.

Sehr viel, war nach längerer Diskussion der allgemeine Tenor. Vor allem über die Amerikaner haben wir sehr viel gelernt.



Kleine Häuser, große Autos


Je weiter sich das das TM-Team von Chicago entfernte, desto dünner die Besiedelung, und desto niedriger die Häuser. Das heißt: Außerhalb der Metropolen sinken die Grundstückspreise deutlich, sodass auch Normalverdiener sich ein Eigenheim leisten können. Doch die Wege zur nächsten Kleinstadt und zum nächsten Supermarkt sind oft weit – ein Auto mit genügend Ladefläche ist also allein schon für die wöchentlichen Einkäufe sinnvoll und wichtig. Angesichts der niedrigen Benzinkosten ist auch der Unterhalt eines „großen“ Fahrzeugs erschwinglicher als in Deutschland.

Eigeninitiative und Mut


Thomas Müller stellte fest, dass die Eigeninitiative der Bürger wahrscheinlich ausgeprägter ist als in Deutschland. In Deutschland genießen die Bürger staatliche Fürsorge in Form von gesetzlicher Kranken- und Rentenversicherung – im Gegenzug werden sie jedoch vom Staat mit Abgaben und Beiträgen belastet. In den USA sind die Abgaben und Steuern wesentlich niedriger … doch die staatliche Fürsorge ist auf ein Minimum reduziert.

Die Folge: Die US-Bürger sind gezwungen, mehr Eigenverantwortung für ihre Krankenversicherung und für ihre Altersvorsorge zu übernehmen.

Das ist ein wichtiger Grund dafür, dass Amerikaner viel häufiger an der Börse investieren als wir Deutsche“, stellte Thomas Müller fest. „Langfristige Geldanlagen in konservativen, defensiven Aktien können am Ende deutlich mehr Rendite bringen als unsere gesetzliche Rentenversicherung.“ Man braucht halt ein gewisses Maß an Eigeninitiative und Eigenverantwortung.

Was dies bedeutet, zeigte sich in einem Gespräch mit einem älteren Farmer-Ehepaar aus der Kleinstadt Dwight, ca. 100 km westlich von Chicago. Während europäische Bauern sich in einem regulierten und subventionierten Markt befinden, sind US-Farmer viel mehr auf sich gestellt, wenn es um Erzeugerpreise und um das Risiko von Ernteausfällen geht.

US-Farmer begegnen dieser Herausforderung, indem Sie den geeigneten Zeitpunkt abwarten, um Terminkontrakte („Futures“) für ihre Produkte abzuschließen.

Bei Terminkontrakten/Futures geht es darum, eine festgelegte Menge einer bestimmten Ware in bestimmter Qualität zu einem festgesetzten Preis an einem vorher bestimmten Datum zu kaufen bzw. zu verkaufen.

Ein US-amerikanischer Bauer könnte theoretisch bereits im Februar Sommerweizen zu einem bestimmten Preis verkaufen, wobei Liefer- und Zahlungstermin erst auf Juli festgelegt werden. Der Vorteil für den Farmer ist die Sicherheit, bereits bei der Ernte einen sicheren Abnehmer zu einem fixen Preis zu haben. Das kaufende Unternehmen sichert sich dagegen mit dem Geschäft gegen steigende Preise ab, die z.B. durch Missernten oder Hagelschläge entstehen.

Bei Abschluss eines Futures fallen keine Kosten in Form von Prämien an. Doch beide Vertragspartner müssen eine gewisse Vorschusszahlung leisten. Geschäfte dieser Art werden in den USA zum größten Teil über die Chicagoer Terminbörse abgewickelt (vgl. den Besuch des TM-Teams bei der CME am 23. März).

Mein Ehemann ist ein ausgezeichneter Investor“, bestätigte uns eine Farmersfrau aus Illinois. „Wir investieren in unsere eigenen Produkte – vor allem Sojabohnen. Mein Mann schließt Terminkontrakte ab, und dadurch können wir besser mit den Einnahmen planen, und wir können unsere Anschaffungen besser steuern und einplanen.

Landwirte als Börsenanleger – das ist in Deutschland die absolute Ausnahme. Ebenso ist es bei uns relativ selten, dass Mitarbeiter in Aktien oder Anleihen ihres Arbeitgebers investieren.
Thomas Müller: „Der Weg zu einer besseren Aktienkultur in Deutschland führt über die Eigeninitiative. Je mündiger und aufgeklärter die Bürger sind, desto mehr wird in solide Aktien investiert.  Dorthin zu kommen, wird ein langer Weg. Und eine unserer wichtigsten Aufgabe ist die gezielte Aufklärungsarbeit über Aktien, Anleihen und Derivate.“

Tages-Fazit


Das Fazit dieses Tages: In Punkto Eigeninitiative und Aktienkultur müssen die Amerikaner nicht „great again“ werden. Sie sind schon „great“. In diesem Punkt können und müssen wir von den US-Bürgern viel(es) lernen.

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